Wie Berlins größte “Online-Abstellkammer” die Kreislaufwirtschaft unserer Hauptstadt ankurbelt: Ein Interview mit GreenCircle

März, 2022


Späht gemeinsam mit uns in Berlins größte “Online-Abstellkammer” und erfahrt, wie ihr alte Dinge ganz entspannt von der Couch aussortieren könnt und gleichzeitig wem anders damit eine Freude bereitet. Friedrich Köser, Co-Founder und CEO von GreenCricle, hat uns verraten, wie wir Secondhand-Produkte für alle Gesellschaftsschichten attraktiv machen können.

1. Vor fast einem Jahr wurde GreenCircle ins Berliner Leben eingeführt - Magst Du uns Euer Geschäftsmodell vorstellen?

Stell Dir vor, alle Berliner*innenhätten gemeinsam eine große Abstellkammer, in der wir Produkte lagern, die wir gerade nicht benutzen. Und alle Produkte, die in dieser Abstellkammer sind, kannst Du online einsehen und sie Dir an die Haustür liefern lassen - ohne Verpackung, in elektrischen Autos. Gleichzeitig kannst Du die Produkte, für die Du keine Verwendung mehr hast, abholen lassen, damit sie auch in dieser “Online-Abstellkammer” (im Circle) landen. Das ist GreenCircle. Unser Geschäftsmodell sieht dabei aus wie folgt: Immer, wenn jemand ein Produkt aus dem Circle kauft, erhalten wir für den Aufwand durch die Abholung, Sortierung, Fotografieren, Lagerung und Auslieferung 50% der Erlöse, mindestens 5€, aber maximal 50€. Der Rest der Erlöse geht an die Person, die das Produkt in den Circle gegeben hat. Außerdem bieten wir ein Abo an, mit dem Produkte ausgeliehen werden können, ohne dass sie gekauft werden müssen. Produkte, die keine Nachfrage haben bzw. in sich nicht mehr zum “circeln” eignen, werden an unsere Upcycling-, Recycling- und Spendenpartner*innen weitergegeben.

2. Nehmen wir an, ich habe mich online für ein Produkt entschieden und habe auch ein Produkt aussortiert, welches ich verkaufen möchte. Wie können wir uns den Produktkreislauf mit GreenCircle vorstellen?

Der “Circle” beginnt auf unserer Website, auf der Du entweder direkt eine Abholung Deiner Sachen wählst oder über unseren Onlineshop ein paar tolle Produkte findest. Du stellst Dir Deinen Warenkorb mit den Produkten, die Du haben möchtest zusammen und fährst fort zum Checkout. Dort hast Du auch die Möglichkeit von Dir zuhause aussortierte Produkte in den Circle zu geben. Dann wählst Du deinen gewünschten Zeitpunkt, an dem wir vorbeikommen sollen. Zahlen, Fertig. Wir kommen dann innerhalb des gewählten Zeitfensters vorbei und halten Dir an Deiner Tür eine unserer wiederverwendbaren Boxen auf und nehmen in dieser auch Deine aussortierten Produkte wieder mit. Das wars auch schon! 
Deine Produkte gehen dann bei uns im Lager ein, werden sortiert, fotografiert, beschrieben und mit einem Preis versehen. Sobald Deine Produkte hochgeladen wurden, kannst Du den Preis, wie auch die Beschreibung ggf. ergänzen, sobald die Produkte von uns hochgeladen wurden. Und sobald jemand Dein Produkt kauft, bekommst Du Deinen Anteil auf Dein hinterlegtes Paypal- oder Bankkonto überwiesen. Und wir machen uns zum nächsten Circle an der Tür auf! Außerdem hast Du auf jedes Produkt, was Du Dir bestellst, ein 24-stündiges Rückgaberecht.

3. Welche Produkte sind bei der GreenCircle Community am beliebtesten bzw. welche werden oft eingereicht?

Am beliebtesten sind momentan Dekorationsaritkel, Haushaltsgeräte, wie z.B. Lampen, Küchengeräte, Musikboxen - und natürlich Mode. Mode ist auch die Kategorie, die wir am meisten in den Circle gegeben bekommen.

4. GreenCricle bietet ja auch ein Abo-Modell an - können sich Nutzer*innen monatlich ein Produkt ausleihen und nach einem Monat wieder zurückgeben? Was passiert, wenn die Produkte beschädigt zurückkommen oder sogar verloren gehen?

Mit dem Abo zahlst Du quasi den Zugang zu der “Online-Abstellkammer”, sodass Du Dir bis zu 5 Produkte herausnehmen kannst, ohne sie direkt kaufen zu müssen. D.h. Du wählst die ersten Produkte, die Du ausprobieren möchtest aus und wir bringen sie Dir vorbei. Einmal pro Monat kannst Du beliebig wählen, ob und welche Artikel Du gegen andere Circle-Produkte tauschen möchtest. Wir kommen dann vorbei, holen die “Alten” ab und bringen Dir die Neuen rum. Du hast außerdem immer die Möglichkeit, ein Produkt “aus dem Abo heraus” zu kaufen. So hast Du durch das Abo die Möglichkeit, Produkte unbegrenzt auszuprobieren, bevor Du sie dann kaufst oder zurück in den Circle gibst. Das eignet sich zum Beispiel toll für Bücher, Produkte rund ums Baby (Mode, Spielzeug), Küchengeräte, Gesellschaftsspiele, die Luftmatratze für deinen Besuch, eine ausgefallene Winterjacke oder eben der Fernseher für das Champions League Finale. 
Wenn ein Artikel mal beschädigt wird, ist das kein Problem. Wichtig für uns ist nur, dass wir den Artikel - auch beschädigt - zurückbekommen. Ansonsten müsstest du ihn kaufen.

5. Wie schaut die Zukunft für GreenCircle aus? Was sind die Ziele für die kommenden fünf Jahre?

Wir möchten verändern, wie wir konsumieren. Wir kaufen viel zu viele Produkte, die wir nur 1-2 mal benutzen - und dann landen sie leider oft im Müll (über 40% deutscher Haushalte schmeißen ungenutzte Sachen in den Müll), ganz einfach weil die Weitergabe oft mit hohem zeitlichen Aufwand und Nerven verbunden ist. So kommt es, dass wir gerade mal “Circularity Levels” (also wie viel unserer Ressourcen und Produkte fließen innerhalb einer zirkulären Wertschöpfungskette) von 8% haben (globaler Zielrichtwert liegt bei 70-80%). Außerdem macht Second-Hand nur rund 2% aller Käufe aus. 
Unsere Vision für die kommenden 5 Jahren ist, dass zumindest in größeren Städten der Zugang zu gebrauchten Produkten so einfach ist, dass weniger neue Produkte gekauft werden müssen. Wir verändern, wie Produkte schnell und einfach eben mal weitergereicht werden können, damit es sich schlichtweg nicht mehr lohnt, billige Produkte zu kaufen. Und sobald Produkte wie ein Service gesehen werden, nicht wie ein Besitz, hat keine*r Interesse mehr an kurzlebigen und dadurch eben nicht nachhaltigen Produkten. Dahin möchten wir kommen - mit vielen GreenCircles in vielen Städten und Regionen.

6. Secondhand ist sexy - finden wir jedenfalls. Wie können wir den Teil der Gesellschaft, der das noch nicht so sieht, auch davon überzeugen?

Gute Frage. Wie bekommen wir es hin, dass Second-Hand der neue Standard für Menschen aus allen verschiedenen Bereichen der Gesellschaft wird? Ein großer Anknüpfungspunkt ist sicherlich, dass man Convenience, Auswahl, Vertrauen und Sicherheit in die Erfahrungen rund um Second-Hand Produkte bringt: Kaufen, ohne zu chatten, ehrliche Produktfotos, Rückgaberecht. Damit ist zumindest schon mal die Kauferfahrung vergleichbar. Ein zweiter wichtiger Punkt ist der gesellschaftliche Kontext, in dem Second-Hand steht: Sicherlich ist es für viele eine Form von Wohlstandsausdruck neue Produkte zu kaufen. Aber wenn wir es für Trend-bewusste Shopper einfach die coolere Option - und für funktionale Shopper die einfachste und günstigste Option machen, dann können wir auch in der breiten Masse Second-Hand etablieren. Ungenutzte Produkte weitergeben und weiternutzen ist das gleiche wie Teller aufessen - ein “No-Brainer” quasi - egal ob Du Dich mit Nachhaltigkeit auseinandersetzt oder nicht - so möchten wir überzeugen. Wichtig hier ist es, Positivität auszustrahlen und alle Leute gleichermaßen mitzunehmen - und nicht den Finger zu erheben und erziehen zu wollen. Und das, so merken wir bereits, kommt gut an!

Vielen Dank für das Interview und die spannenden Einblicke in eine Welt, in der Produkte bequem und effizient ein neues Leben eingehaucht bekommen, Friedrich!