Warum New Work gendergerechte Sprache braucht

Mär, 2021 , 4 min


New Work glaubt an eine Arbeitswelt, in der das Individuum im Vordergrund steht. Von Work-Life-Integration, zu flexibleren Arbeitszeitmodellen, bis hin zum ortsunabhängigen Arbeiten: New Work ist eine neue Ära des Arbeitens. Doch New Work ist nicht nur eine neue Art und Weise zu arbeiten, sondern auch eine neue Art und Weise der Unternehmenskultur. Diese steht nicht etwa für tägliches Team-Frühstück, arbeiten von überall und Massage am Arbeitsplatz, sondern vor allem für geteilte Werte, Normen und Überzeugungen. Bei New Work sind Individualität, Selbstverwirklichung, Diversität und ein Miteinander das Herzstück des neuen Arbeitens. Doch das muss sich auch sprachlich sichtbar machen. In „New Words for New Work” wie Katja Thiede passend betitelt. 

Sprache und Sein: die Macht der Wörter

Warum ist es überhaupt so wichtig, wie wir sprechen? Warum braucht New Work eine neue Sprache? In Deutschland ist die vorherrschende grammatikalische Norm das generische Maskulinum: die männliche Form wird also als grammatikalische Norm für Personengruppen betrachtet. Dies wird seit den 1970ern von Vertreterinnen der Feministischen Linguistik im Rahmen der sogenannten Systemkritik kritisiert. Sie gehen davon aus, dass das generische Maskulinum nicht nur eine grammatikalische Hierarchie ist, sondern es eine assoziative Bindung zwischen grammatikalischen Genus und Geschlecht gibt. Somit kann das generische Maskulinum nicht alle Geschlechter mit meinen. Das bedeutet, dass es alle Geschlechter außer das maskuline Geschlecht nicht genannt werden. Das generische Maskulinum wird so zu einem Faktor der Geschlechterungleichheit. Über Sprache entstehen Bilder in unseren Köpfen, die unsere Weltanschauung prägen. Wenn wir, z.B. unseren Freund*innen von den Wissenschaftlern erzählen, die einen Impfstoff entwickelt haben, dann entsteht unweigerlich das Bild von Männern in weißen Kitteln im Labor in unseren Köpfen. Unterbewusst speichern wir ab: Wissenschaftler sind Männer. Laut generischem Maskulinum können die Wissenschaftler jedoch eine Gruppe von weiblichen und männlichen Wissenschaftlern sein. Diesen Transfer macht unser Gehirn jedoch zumeist nicht. Unterbewusst speichern wir so bestimmte geschlechtliche Zuweisungen ab, die unser Geschlechterbild und die daraus entstehenden geschlechtlichen Hierarchien prägt. 

Dahinter steckt die grundlegende Annahme, dass Sprache eben mehr als nur Wörter ist. Vielmehr ist unser Sprachgebrauch eng mit unserem Weltverständnis verbunden und spiegelt unsere Weltwahrnehmung wider. Gleichzeitig beeinflusst Sprache aber auch unser Denken. So kann Sprache soziale Verhältnisse beeinflussen und unsere soziale Wirklichkeit konstruieren. Über Sprache werden hierarchische Machtgefälle konstruiert, wie im Falle des generischen Maskulinums oder eben dekonstruiert, wie über den Gebrauch von gendergerechter Sprache. Mit Blick auf die deutsche Sprache bedeutet das de facto, dass das generische Maskulinum als vorherrschende grammatikalische Form alle Geschlechter außer dem maskulinen Geschlecht unsichtbar macht. Die sprachliche Nicht-Nennung von Cis-Frauen und nicht-binären Geschlechtern, also Menschen, die kein Geschlecht, mehrere Geschlechter oder eine sich verändernde Geschlechtsidentität haben, führt zu deren gesellschaftlicher Nicht-Wahrnehmung. Durch diese androzentrische Sprachnorm werden also patriarchale Strukturen gefestigt. Diese können wir im 21. Jahrhundert hinter uns lassen. 

Strategien zur gendergerechten Sprache

Gendergerechte Sprache mag zunächst ungewohnt sein, kompliziert ist es aber eigentlich nicht, diese in den Sprachgebrauch zu integrieren. Sprache erfindet sich kontinuierlich neu und so werden Strategien am laufenden Band weiter-, um- und neu gedacht. Es gibt verschiedene Strategien der Sichtbarmachung aller Geschlechter. Die bekanntesten sind: 

  • Der Unterstrich, gesprochen wie eine sehr kurze Pause, z.B. Mitarbeiter_innen
  • Das Gendersternchen, gesprochen wie eine sehr kurze Pause, z.B. Mitarbeiter*innen
  • Der Gender-Doppelpunkt, gesprochen wie eine kurze Pause, z.B. Mitarbeiter:innen, diese Variante hat den Vorteil, dass sie von Screenreadern als kleine Pause und nicht etwa als Sternchen oder Doppelpunkt gelesen wird. 

Über gendergerechte Sprache sollen alle sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten dargestellt werden. So soll Geschlechterdualismus aufgehoben werden. Deswegen ist gendergerechte Sprache Doppelnennungen, wie z.B. Mitarbeiter und Mitarbeiterin, vorzuziehen, da diese nur die binären Geschlechter abbildet. 

Neue Arbeit, altes Sprachgewand?

Sprache ist ein existenzieller Teil von Kultur. Es liegt also nur nahe, dass eine Unternehmenskultur auch eine Unternehmenssprache braucht. Wenn New Work wirklich für Individualität, Diversität, Respekt und Fairness steht, dann muss diese Sprache gendergerecht sein. New Work muss nicht nur gelebt, sondern auch gesprochen werden und gendergerechte Sprache ist der Schlüssel dazu. „Dass Neues Arbeiten vor allem bedeutet, neue Wege zu finden, miteinander zu reden” schreibt Katja Thiede. Durch die Integration von Sprachnormen abseits der androzentrischen Sprachnorm wird eine Art und Weise zu reden etabliert, die Cis-Frauen und nicht-binäre Menschen, mitmeint, mitschreibt und mitdenkt. Sprache wird so zu einem Instrument der machtfreien und gleichberechtigten Kommunikation anstatt zu einem Instrument das patriarchale Strukturen aufrechterhält. Letztendlich geht es um Fairness und den gegenseitigen Respekt voreinander. Es geht um den Abbau von Diskriminierung und die Sichtbarmachung von Diversität. 

Gesellschaftliche Veränderungen zeigen sich auf sprachlicher Ebene und werden sprachlich manifestiert. Und New Work steht nicht nur für neues Arbeiten, sondern auch für eine neue Gesellschaft hinter dem neuen Arbeiten. Ohne gendergerechte Sprache ist New Work nicht mehr als altes Arbeiten im neuen Gewand.