New Work und Female Leadership mit Unicorn COO Inga Kayademir

Mär, 2021 , 5 min


5 Fragen an unsere COO Inga Kayademir

Wofür steht Female Leadership für Dich?

Leadership ist oft mit typisch männlichen Attributen verbunden, wie z.B. Durchsetzungskraft oder Verhandlungsstärke. Female Leadership bedeutet für mich, dass Frauen genauso selbstbewusst und selbstverständlich ihre Stärken in ein Unternehmen einbringen und Führungspositionen für sich einfordern. Und dafür, dass sie sich dabei nicht verstecken und nicht versuchen einem “typischen Leader-Typus” zu entsprechen, sondern ihren eigenen Weg gehen. 

Wie ist der Female Leadership-Status Quo?

Wenn ich den Status von vor 10 Jahren mit dem Status Quo vergleiche muss ich feststellen, dass es leider immer noch viel zu langsam vorangeht. Frauen in Führungspositionen sind nach wie vor die Ausnahme und es fehlt an Sichtbarkeit. In Sachen fachlicher Kompetenz stehen Frauen den Männern schon lange in nichts mehr nach. Trotzdem haben es Frauen nach wie vor schwer: in Führungspositionen selbst und bereits auf dem Weg dorthin. Sie werden immer noch mit ähnlichen Vorurteilen wie vor 10 Jahren konfrontiert, z.B. dass sie zu emotional oder zu wenig belastbar wären. Außerdem wird immer noch davon ausgegangen, dass jede Frau eine Familie möchte und, dass der Wunsch nach einer Familie nur schwer mit den Ansprüchen an eine Führungsposition wäre. Bei Männern wird dies nach wie vor seltener thematisiert. 

Gleichzeitig hat sich auch einiges zum Positiven verändert. Es gibt immer mehr starke weibliche Vorbilder, die die Sichtbarkeit von Frauen in Führungspositionen erhöhen.  Außerdem sind weibliche Netzwerke endlich stark im Kommen. Endlich ändert sich auch die Sprache und es wird mittlerweile viel bewusster und flächendeckender gegendert. Das ist ein großer Schritt, weil sich die Sprache auf unsere Gesellschaft auswirkt und so die Vorstellungen in unseren Köpfen verändern kann. Ich hoffe, dass es irgendwann z.B. nicht mehr typisch “männliche” und typisch “weibliche” Berufe geben wird.

Wie beeinflussen sich New Work und Leadership?

New Work verändert zunehmend unser Verständnis von Arbeit. Statt eines klassischen nine-to-five-Jobs im Büro wird immer mehr auf Digitalisierung und Flexibilität gesetzt. Freiheit, Selbstständigkeit und Teilhabe an der Gemeinschaft rücken in den Fokus. Für viele Frauen bedeutet das, sich eben nicht mehr zwischen Kind und Karriere entscheiden zu müssen. Durch flexible Arbeitszeit-Modell, eine zunehmende Digitalisierung sowie die Wahl des Arbeitsortes scheint Vereinbarkeit möglich zu sein. Auch bei vielen Männern findet so ein Umdenken statt. Vereinbarkeit wird selbstverständlicher, und dementsprechend auch selbstverständlicher eingefordert. 

Wie setzt Du Dich als Female Leaderin durch?

Direkt nach meinem Studium bin ich da sehr blauäugig herangegangen, und konnte mir nicht vorstellen, dass ich als Female Leaderin anders wahrgenommen werde als männliche Kollegen. Das änderte sich jedoch schnell, wenn ich z.B. immer für die Teamassistentin statt für die Projektmanagerin gehalten wurde oder mir von meinen männlichen Kollegen technisches Verständnis abgesprochen wurde. Auch die Wahrnehmung an sich ist eine andere - gelten Männer als besonders “durchsetzungsfähig” werden Frauen im Gegenzug als “zickig” bezeichnet. Während Männer für “ihren Job brennen” sind Frauen “einfach zu emotional”.  Ich mag es z.B. nicht, wenn in Verbindung mit meiner Person als Führungskraft auch immer meine zwei Kinder genannt werden, da diese beiden Dinge nichts miteinander zu tun haben. Ich möchte nicht erklären müssen, wie ich Kinder und Karriere vereinbaren kann. Jedenfalls nicht so lange diese Diskussion nur mit Frauen geführt wird ;-)

Ich bin in einer sehr emanzipierten Familie groß geworden. Sowohl mein Opa als auch mein Vater haben mir immer vermittelt, dass ich alles schaffen kann, was Männer auch können. Das hat mich stark geprägt und ein Selbstverständnis geschaffen, von dem ich nach wie vor profitiere. Ich glaube nicht, dass ich mich anders verhalte oder mein Team anders führe, als meine männlichen Kollegen. Aber ich habe eine Stimme, die ich nutze, wenn ich mich unfair behandelt fühle. Aktuell geben wir uns im Management regelmäßig Feedback, das hilft, um eigenes Verhalten zu reflektieren und Stereotype rechtzeitig zu bemerken oder zu verhindern. Und ich denke es hilft, wenn man sich der eigenen Stärken und Schwächen bewusst ist, und entsprechend handelt. Es hilft mir nichts, wenn ich mich verstelle, um einem bestimmten Klischee zu entsprechen. Jede muss ihren eigenen, authentischen Führungsstil finden - auch wenn man es damit vielleicht nicht jedem Mitarbeitenden recht macht.

Wer hat Dich inspiriert und welchen Rat würdest Du jungen und aufstrebenden Female Leaderinnen geben?

Mich haben schon immer Frauen inspiriert, die ihren eigenen Weg gegangen sind - gegen alle Widerstände und gegen alle gesellschaftlichen “Normen”. Ruth Bader Ginsburgh war zu ihrer Studienzeit eine von neun Jurastudentinnen an der Harvard University. Sie wurde in einem Männerdominierten Umfeld unglaublich erfolgreich, ohne sich zu verbiegen. Sie hat sich Zeit ihres Lebens für die Rechte von Frauen und Gleichberechtigung eingesetzt.

Oder, wenn man das berufliche Umfeld mal verlässt: ich bin selbst begeisterte Langstreckenläuferin. 1967 war es Frauen noch verboten, beim berühmten Boston Marathon, oder überhaupt einem Marathon, mitzulaufen. Die Begründung: Frauen seien zu schwach um einen Marathon durchzuhalten. Kathrine Switzer hat sich mit einem kleinen Trick angemeldet und ist ihn trotzdem mitgelaufen und hat allen bewiesen: Frauen können nicht nur einen Marathon laufen, sondern können auch deutlich schneller sein als ein Großteil der männlichen Teilnehmer.


Der größte Ratschlag, den ich geben möchte, lautet daher: Verlasst Eure Komfortzone!
 

Wenn Ihr weiterkommen und Euch weiterentwickeln wollt, müsst Ihr hin und wieder neue Wege einschlagen. Manchmal wird der Weg wunderbar sein, und manchmal auch nicht. Auch Misserfolge gehören dazu - aber sie gehen vorbei – genau wie die Erinnerung daran. Setzt ihnen einfach kein Denkmal, sondern überlegt Euch lieber, was Ihr beim nächsten Mal anders machen würdet. Seid mutig, seid laut und hört auf Euch zu entschuldigen und Eure Leistung kleinzureden. Ich habe schon viel zu oft erlebt, dass Frauen ihre guten Leistungen relativieren, wenn sie darauf angesprochen werden.

Fragt Euch aber auch immer: ist es mir das noch wert? Ich war früher in einer großen Unternehmensberatung und hatte ständig das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen. Ich war die einzige Frau im Team, musste mich immer behaupten, stand in ständiger Konkurrenz zu meinen Kollegen. Ein absolut toxisches Umfeld. Irgendwann habe ich für mich beschlossen, dass ich keinen Erfolg um jeden Preis möchte und habe den Arbeitgeber gewechselt.